Überlandfahrt – Polen

Gut drei Wochen war ich in Polen. Viel Zeit davon habe ich auf dem Sattel verbracht und bin durch das Land gefahren. Was gab es nun in diesem Land zu beobachten? Wie sehen die Dörfer aus? Wie gut lässt es sich durch Polen radeln?

Brüchig aber rollt gut!

Von der Strecke her ging es zunächst entlang der Ostseeküste bis Danzig und dann quer durch das Land in Richtung Süden, immer dem Eurovelo 9 folgend. Zumindest grob, denn der Eurovelo 9 ist zwar bisher in Polen geplant aber noch nicht ausgebaut. Ganz im Norden und dann wieder im Süden des Landes gab es eine Beschilderung und recht angenehme Straßen und Wege. Im größten Teil dazwischen habe ich mich sehr grob an einen GPX-Track gehalten aber immer eine individuelle Route zusammengestellt. Oft entlang kleiner, weniger befahrener Straßen.

Der Eurovelo 9 in Danzig.

Die Fahrbarkeit mit dem Rad war meistens ganz okay. Die sandigen, losen Wege wie ganz zu Beginn meiner Tour durch Polen sollten mir zwar an manchen Stellen wieder begegnen, doch oft waren die unbefestigten Wege schon recht fahrbar. Vielleicht nicht unbedingt für ein Rennrad, das Tier ist ja aber gut bereift. Gefühlt gab es in den Dörfern im nördlicheren Teil Polens viel mehr unbefestigte Wege als im südlicheren Teil, dort herrschte viel mehr Asphalt vor. Kann aber auch nur an meiner zufällig gewählten Strecke liegen. In und um größere Städte gab es ganz gute Fahrradwege. Und wenn in Polen einmal Fahrradwege angelegt werden, dann richtig. Im Danzig-Artikel hatte ich das ja schon einmal beschrieben.

Alles hat seine Ordnung.

Vom Verhalten der Autofahrer mir als Radfahrer gegenüber war ich positiv überrascht. Klar gab es manchmal das ein oder andere knappe Überholmanöver aber auch auf den stärker befahrenen Straßen war es ohne ständigen Angstschweiß auszuhalten.

Bahnübergänge sind nur an größeren Straßen beschrankt. Selbst wenn es sich um rege befahrene doppelgleisige Bahnstrecken handelt. Als Warnung stehen lediglich blinkende und laut tönende Andreaskreuze an den Gleisen. Dafür lassen sich die Bahnstrecken an vielen Stellen ohne weite Umwege passieren, es wird halt einfach auf den gesunden Menschenverstand gesetzt.

Augen auf, da kommt was!

Einer meiner Gastgeber fragte mich: „Ohne zu wissen wo du bist, würdest du erkennen ob du dich in einem polnischen oder in einem deutschen Dorf befindest?“ Definitiv ja. Die polnischen Dörfer sind meiner Meinung nach viel lebhafter als die Deutschen. Auch hier soll es die Landflucht geben habe ich mir sagen lassen, doch für mich wirkten die Dörfer alle samt viel bewohnter. Es gibt fast überall mindestens einen Lebensmittelladen und wenn es auch nur ein Lädchen ist. Dann sind da mehrere aktive Bauernhöfe pro Dorf, natürlich mit mehreren Traktoren und immer etwas Gewusel. Auffällig fand ich auch die Briefkästen – in Dörfern und kleinen Städten gibt es überall typgleiche Briefkastenanlagen mit sechs einzelnen Abteilen, jedes verschlossen mit einem Hängeschloss. Und diese stehen dann zentral an den Straßen. Obligatorisch für ein polnisches Dorf ist selbstverständlich auch der Storchenhorst und mindestens eine Kapelle oder Kirche. Tendenziell eher Kirche. Und dann natürlich noch mit farbigen Bändern und Blumen geschmückte Kreuze meist mit Jesus- oder Marienstatuen direkt am Straßenrand zum Anbeten. Manchmal sind diese auch in einigen Vorgärten zu finden. An den Straßen über das Land sind diese Gebetsstätten aber überall anzutreffen. Vereinzelt habe ich auch Statuen in mit LEDs beleuchteten Schaukästen entdeckt. Einem spontanen Gebet vor irgendwelchen Reliquien steht in Polen also nichts im Wege.

Polnische Briefkästen. Hat etwas von Packstation.

Architektonisch gibt es in Pommern noch jede Menge alter Backsteinhäuser zu finden. Besonders formschön wirken dabei auch immer die Eternit-Wellplatten-Dächer. Natürlich nicht nur auf Ställen oder Scheunen sondern auch auf Wohnhäusern. Im südlicheren Teil des Landes sind die Gebäude schon häufiger verputzt. Es gibt aber auch viele klassische Einfamilienhäuser, wie ich sie aus dem Osten Deutschlands kenne. Auffällig sind auch die vereinzelt anzutreffenden „Mini-Plattenbauten“ mit zwei oder drei Geschossen. Die waren vermutlich irgendwann mal genauso wie ihre großen Brüder praktisch und schön, doch ist deren Zeit nun schon lange vorbei. In der Nähe größerer Städte wurde und wird auch viel neu gebaut, vom Standard genauso wie wir es aus Deutschland kennen.

Reihenhäuser aus einer anderen Zeit.

Es gab auf jeden Fall viel zu sehen. In jedem noch so kleinen Dorf gab es immer wieder etwas zu entdecken, meinen Augen ist es nie langweilig geworden. Und das Fahrrad scheint das perfekte Fortbewegungsmittel für solch eine Entdeckungstour zu sein: Langsam genug um viel zu sehen und schnell genug um voran zu kommen.


Reisezeit: August/September 2021

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